Biologische Vielfalt im Wald (Bild: Lisa Larsson)

Schweden ist zum größten Teil mit Wald bedeckt. Doch die schwedischen Wälder wurden in den vergangenen 100 bis 150 Jahren erheblich von der modernen Waldwirtschaft beeinträchtigt. Besonders beträchtlich waren die Auswirkungen aufgrund der systematischen Kahlschlagwirtschaft der letzten 60 Jahre. Der Landschaftswandel hin zu jungen Wirtschaftswäldern und Pflanzungen bedroht viele Arten des Waldes (s. Punkt 2 unten). Dies ist ein wichtiger Aspekt, denn der Verlust der biologischen Vielfalt bedroht das Überleben des Menschen mindestens in gleichem Maße wie der Klimawandel. Die Fragen sind auch miteinander verknüpft: Artenreiche Ökosysteme haben eine höhere Resilienz als artenarme, können bei Störungen wie dem Klimawandel ihre grundlegende Organisationsweise also besser erhalten. So ist ein Mischwald zum Beispiel weniger krankheitsanfällig als eine Monokultur, und so sorgt eine große Vielfalt an Mykorrhizapilzen dafür, dass in Naturwäldern mehr Kohlenstoff gespeichert wird als in Pflanzungen. Für die langfristige Gesundheit der Ökosysteme ist es wichtig, auch seltene Arten zu schützen.

In einem natürlichen Waldökosystem findet der Lebenszyklus der Bäume vor Ort statt: Die Bäume keimen, wachsen, altern, sterben und stürzen um. Die toten Stämme zersetzen sich langsam und bieten vielen Organismen Lebensraum. Ein Naturwald besteht aus verschiedenen Baumarten in verschiedenen Lebensstadien und umfasst deshalb viele ökologische Nischen. In einem Wirtschaftswald ist nur eine Baumart vertreten; außerdem sind die Bäume dort alle gleich alt und werden relativ früh geerntet. Ein Kahlschlag ist ein massiver Eingriff in die Lebensbedingungen der auf der Fläche vertretenen Arten. In Schweden sind manche altbestehenden Naturwälder geschützt, und die Forstwirtschaft berücksichtigt bei ihren Aktivitäten zumindest einige Umweltbelange. Das reicht aber nicht aus für das langfristige Überleben aller bedrohten Arten. In Bergregionen kann es schwierig werden, klimabedingte Veränderungen zu stoppen.

Einige Teilnehmer an der öffentlichen Debatte in Schweden bestreiten eine ernsthafte Bedrohung der biologischen Vielfalt des Waldes. Aber auf Seiten der Forschung und der Behörden wird die Gefahr anerkannt. Eine Quellenauswahl:

  1. Laut Artdatabanken stehen rund 2 000 Waldspezies auf der schwedischen Roten Liste. Das schwedische Arteninformationszentrum schreibt dazu: „Die Umwandlung von Dauerwäldern in Wirtschaftswälder ist der Grund dafür, dass sich der Bestand von 75 % der Arten auf der Roten Liste negativ verändert. Nach unserer Beurteilung haben die Forstmethoden, insbesondere der Kahlhieb, deshalb die negativsten Auswirkungen auf die Arten des Waldes.“
  2. Über das Aussterben infolge Habitatfragmentierung liegt viel Forschung vor, vor allem im Hinblick auf holzbewohnende Pilze und Flechten. Als Beispiele können Berglund et al. 2005, 2008 und 2009 genannt werden sowie eine Dissertation aus Finnland. Wichtige Folgerungen aus diesen Arbeiten sind, dass Schlüsselbiotope oft zu klein sind und dass – zum Zweck der Wiederbesiedlung – auch Wälder erhalten werden sollten, in denen keine in der Roten Liste aufgeführten Arten vorkommen. Zum Schutz der Biodiversität sind große zusammenhängende Waldareale erforderlich. Hanski weist darauf hin, dass die Gefahr des Aussterbens häufig unterschätzt wird. Künftig muss im Rahmen der Naturschutzbiologie auch der genetische Erhaltungsstatus berücksichtigt werden.
  3. Laut der jüngsten förmlichen Meldung Schwedens an die EU im Zusammenhang mit der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie haben 14 von 15 wertvollen Waldbiotopen keinen günstigen Erhaltungsstatus.
  4. Das Schwedische Zentralamt für Forstwirtschaft fasst in seinem Bericht 4/2010 den Stand der Naturschutzforschung zusammen, die sich der Frage widmet, wie viel produktive Waldfläche zum Erhalt der Biodiversität von der Forstwirtschaft unbeeinflusst bleiben muss: Für 17 Schirmarten ergab sich ein Mittelwert von 19 %. Schirmarten stellen hohe Ansprüche an ihren Lebensraum, sodass mit ihrer Erhaltung das Überleben zahlreicher weiterer Arten verbunden sein dürfte. Derzeit sind nur 4 % des produktiven Waldes langfristig geschützt, unterhalb des Bergwaldgürtels sogar nur 2 %. Darüber hinaus nimmt die Branche auf freiwilliger Basis circa 5 % von forstwirtschaftlichen Aktivitäten aus. Dabei handelt es sich aber nicht um einen langfristigen Schutz; außerdem ist nicht bekannt, ob die Gebiete zweckmäßig beschaffen sind.
  5. Das schwedische Arteninformationszentrum Artdatabanken stellt fest: „Seit 1950 wurden in Schweden circa 60 % des produktiven Waldes durch Kahlhieb gefällt beziehungsweise in Produktionswald umgewandelt. Hinzu kommen die Kahlschläge aus der Zeit vor 1950. Innerhalb von 20 Jahren wird sämtlicher älterer Wald außerhalb geschützter Gebiete auf gleiche Weise umgewandelt werden. Bei der heutigen Entwicklung werden in Schweden dann 5 % des produktiven Waldes unter Schutz und 95 % unter forstwirtschaftlicher Nutzung stehen. Diese große Umwandlung bringt mit sich, dass die biologische Vielfalt immer weiter abnimmt, obwohl neue Waldnaturschutzgebiete gegründet werden und die Waldwirtschaft seit 20 Jahren zumindest einige Umweltbelange berücksichtigt und meistens zertifiziert ist.“

Obgleich wir über das notwendige Wissen im Hinblick auf den Erhalt der Biodiversität und über relevante Gesetze verfügen, werden immer noch schädliche forstwirtschaftliche Verfahren angewendet und schützenswerte Wälder abgeholzt. Ein beunruhigender Zustand! 

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